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    Frühling (Julius Wolff)


    Manch finstre Nächte währt das Wehen
    Mit Tropfenfall und Wetterschlag,
    Und redlich plagt sich jeder Tag,
    Den Wind soweit herum zu drehen,
    Daß er die Wolken seitwärts schiebt

    Und endlich blauen Himmel giebt.
    Dann aus dem rein gefegten Haus
    Tritt auch die liebe Sonn‘ heraus
    Und streut verschwenderisch ihr Gold
    All den Millionen, die drum betteln,
    Als ob sie’s lächelnd, Allen hold,
    An einem Tage wollt‘ verzetteln.
    Im Wald, dem eben noch so dunkeln,
    Hebt nun ein Flimmern an, ein Glast
    Und ein geheimnißvolles Funkeln
    Als wie in einem Feenpalast.
    Es treibt mit Macht und wächst und quillt,
    Die schlanke Buchenknospe schwillt,
    Braunröthlich glänzen ihre Schuppen,
    Das Junge möchte sich entpuppen,
    Aus eingeschachtelten Gelenken
    Sein zartbewimpert Fähnlein schwenken;
    Denn Andre schon, bevor
    Ein Blättchen zeigt sein lauschend Ohr.
    Die Erle und die Haselnuß,
    Das sind die Ersten aus den Windeln,
    Sie strecken früh am jungen Schutz
    Die locker aufgeschloss’nen Spindeln.
    Da hängen nun zu drei und vier
    Die braunen und die gelben Kätzchen,
    Und dicht am Reis, verborgen schier,
    Am lauschig wohlgeschützten Plätzchen
    Duckt sich der Hasel Blüthenweibchen
    Und trägt auf seinem runden Leibchen
    Gleich einem hochgebundnen Zopf
    Blutrothen Federbusch am Schopf.
    In blendend Linnen, klar wie Schnee,
    Hüllt sich der schwarze Dorn der Schleh,
    Die Espe spinnt sich weiche Seide
    Zu langen Schwänzen, kraus gelockt,
    Die Ulme blüht, und auch die Weide
    Ihr wollig Silberschäfchen flockt.
    Nur Eiche ist noch kahl und wirr,
    Ihr knickig Sparrwerk und Geschirr
    Hält an dem äußersten Geäst
    Ihr vorigjährig Herbstlaub fest,
    Fahlgrau, verfärbt, verschrumpft, zerknittert,
    Zu zähem Leder schon verwittert.
    Doch wenn auch sie die Knospen spaltet
    Und ihr gezacktes Blatt entfaltet,
    Dann glänzt es in der Eichenkrone,
    Als ob an jedem jungen Trieb
    Mit grünlich goldnem Farbentone
    Ein Frührothschimmer haften blieb
    Und wo des Waldes Boden frei
    Von welkem Laub und Nadelstreu,
    Webt sich ein Teppich Zoll bei Zoll,
    Natur nimmt gern den Pinsel voll,
    Schattirt und malt ihr Frühlingskleid
    Und schmückt sich wie zum Tanz die Maid.
    Wer in das junge Grün so schaut,
    In dichtes Gras und duftig Kraut
    Auf einsam stillem Waldespfad,
    Dem ist’s wie ein erquickend Bad,
    Darein er tief die Blicke taucht
    Und hierhin läßt und dorthin schweifen,
    Als wollt‘ er, weil sein Herz sie braucht,
    Die Farbe mit den Augen greifen.
    Da find’t er. Was er nicht gesucht,
    Ein kleines blaues Wunder lugt
    Verstohlen aus dem Grün, ganz nah –
    Ach! erstes Veilchen, bist du da?
    Gegrüßt, gegrüßt, o Violett,
    In deinem weichen Kräuterbett!
    Ja, blühe, fröhlich Märzenkind,
    Und zürne nicht dem Dieb, dem Wind,
    Der schmeichelnd, kosend dich umspielt
    Und mit dem Duft, den er dir stiehlt,
    Die holden Schwestern lockt hervor,
    Den ganzen, bunten Blumenflor.
    Hornköpfchen fängt den Reigen an
    Mit Moschuskraut und Bärentraube,
    Steinsame, blauer Gundermann
    Und Purpurnessel dann, die taube,
    Maiglöckchen, Himmelsschlüsselein,
    Maßlieb, Windröschen blühn, die weißen
    Erdrauch, Sinngrün, Gedenke mein,
    Goldmilz, und wie sie Alle heißen,
    Die Erstling‘ in dem vollen Kranz,
    Womit der Wald sich festlich gürtet,
    Eh‘ er die Spielleut‘ ruft zum Tanz
    Und seine Gäste reich bewirthet.
    Dazu erscheint dann flink und froh
    Auch kleines Volk, das darf nicht fehlen,
    Es kommt zu Hauf und muß sich so
    Zu sagen in das Leben stehlen.
    Es hört das Wachsen, und die Brut
    Erwacht der flatterhaften Kerfen,
    Die eingesargt bisher geruht,
    Nun ihre Hüllen von sich werfen.
    Es schlüpft aus welker Blätter Falten,
    Es zappelt und es schwirrt sich los,
    Zwängt sich hervor aus engen Spalten
    Und gräbt sich aus der Erde Schoß.
    Zu dem Gewimmel kleiner Wühler
    In Moos und Gras, an Baum und Blatt
    Zählt Alles, was am Kopfe Fühler
    Und mindestens sechs Beine hat,
    Mit Doppelflügeln, kurzen, langen
    Aus Netz und Schuppen, Haut und Horn,
    Bewehrt mit Rüssel oder Zangen,
    Giftdrüse, Stachel oder Dorn.
    Doch die unzählige Gemeinde,
    Die aufersteht und frißt und stirbt,
    Hat eine Schaar beschwingter Feinde,
    Die sie verfolgt, faßt und verdirbt.
    Das sind leichtherzige Vaganten,
    Stets aus der Jagd, stets auf dem Fang,
    Die lieben, klugen Allbekannten,
    Die kommen nun mit Sang und Klang.
    Es geht ein Schmettern durch den Wald:
    Frühling! so heißt’s vom Zweige hüben,
    Und lustig kommt die Antwort bald:
    Frühling! Frühling! so ruft’s auch drüben.
    Der Eine hat bei knappem Brot
    Sich ehrlich hungernd durchgeschlagen
    Durch Winters Elend, Angst und Noth
    Und vor der Räuber scharfem Jagen.
    Der Andere hausirt‘ und strich
    Wie ein Zigeuner durchs Gelände,
    Wo sich ein Tischchendeckedich
    Von Gottes Gnaden für ihn fände.
    Der Dritte kommt weit übers Meer
    Wohl nach ermüdend langem Fluge,
    Sieht er den Nach von Eise leer,
    Ist er zufrieden mit dem Zuge.
    Sie treffen sich von fern und nah,
    Und Einer fragt vergnügt den Andern:
    »Wie geht’s? wie steht’s? bist wieder da?
    Wie ist bekommen dir das Wandern?«
    Wie der erst rechts das Beinchen reckt
    Ganz weit nach hinten und behaglich
    Den Flügel lang darüber streckt
    Und dann auch links, spricht er: »Erträglich!«
    Und dreht und plustert sich und blickt
    Keck wie ein Sänger von der Bühne,
    Wetzt seinen Schnabel, wippt und nickt
    Und schmettert lustig Eins ins Grüne.
    Des Nadelwaldes rother Sohn
    Am Kiefernzapfen hängt kopfunter,
    Der Nagelschmiede Schutzpatron
    Kreuzschnabel ist am frühsten munter.
    Er denkt zuerst an junge Brut,
    Sitzt auf des Wipfels Kronentriebe
    Und schnurrt sein Liedlein schlecht und gut
    Der Auserwählten seiner Liebe.
    Die Meise zirpt von Ast zu Ast,
    Stieglitz und Hänfling kommt und Zeisig,
    Zaunkönig gönnt sich nimmer Rast,
    Schlüpft durch der Hecke Dornenreisig
    Buchfink zum Doppelschlage stimmt,
    Schwarzdrossel ruft, ob Alle schwiegen,
    Goldhähnchen zwitschert, Grünspecht klimmt
    Holzhackend, daß die Späne stiegen.
    Es zittern im Gesang und schnelln
    Die kleinen Kehlen auf und nieder,
    Aus jeder Vogelseele quelln
    Nun tiefempfundne Liebeslieder.
    Und ist geworben und gefreit,
    Ließ sich vom Lenz das Pärchen trauen,
    So geht’s in edlem Wettestreit
    Ans kunstgerechte Nesterbauen.
    Es stört sie nicht, daß aus dem Horst
    Den Wald durchschallt des Sperbers Schrei,
    In Schraubenlinien überm Forst
    Hoch schwebt und stolz der Gabelweih.
    Der späht in eine Felsenbucht,
    Aus der es ihm verlockend duftet,
    Unwegsam ist die finstre Schlucht,
    Zu tiefen Hohlen ganz zerklüftet.
    Da liegen mit der Ballen Filz
    Uralte windgebrochne Fichten,
    Und Flechten wuchern, Schwamm und Pilz
    Am faulen Stamm in dicken Schichten.
    Der Brombeer rankendes Genist
    Zieht um die Wildniß dichte Hecken,
    Farrnwedel eingerollt noch ist
    In bräunlich rauhbehaarte Schnecken.
    Hier haust der Bär, verläßt sein Loch,
    Erhebt sich auf den Hinterbranten,
    Vom langen Fasten mager noch,
    Und wittert um die Felsenkanten.
    Und was im Winterschlafe lag
    Und an dem eignen Fette zehrte,
    Das kommt hervor am warmen Tag,
    Der vor des Lagers Thüre kehrte.
    Der Dachs schleicht wurzelnd aus dem Bau
    Und löste seines Hauses Riegel,
    Mißtrauisch windend durch den Thau
    Kommt angeschnuppert auch der Igel.
    Und die gescharrt im tiefen Schnee
    Und hungrig hofften, daß er schmelze,
    Sie letzen sich am jungen Klee
    Und färben anders ihre Pelze.
    Blattknospen äst das Edelwild,
    Der Zwanzig-Ender hat geworfen,
    Die Sau reibt ihres Blattes Schild
    An moosbewachsnen Eichenschorfen.
    Und wo sie wechseln, wo sie gehn,
    Ist’s grün geworden auf den Bahnen,
    Im duft’gen Morgenwinde wehn
    Zum Frühlingseinzug alle Fahnen.
    Nun wölbt der Wald sein laubig Zelt
    Im Sonnenschein, im Glanz der Sterne,
    Und eine lebensvolle Welt
    Dehnt er sich in die blaue Ferne.

    Die Tage schwinden und die Wochen,
    Mit Sang und Klang zog ab der Mai,
    Wer zählt die Knospen, die erbrochen?
    Wer sagt, ob’s Lenz, ob’s Sommer sei?
    Den schattenkühlen Wald durchstreifet
    Ein in des Grafen Pflicht,
    An Wuchse fast zum Mann gereifet,
    Ein Jüngling noch von Angesicht.
    Das blickt frischfrei aus braunem Kragen,
    Der ihm um Hals und Schultern liegt
    Und übers Haupt hinaufgeschlagen,
    Sich dicht um Kinn und Wange schmiegt.
    Sein Kleid ein schlichtes Wamms von Leder?
    Armbrust und Jagdspieß sein Gestell,
    Sein Schmuck Hifthorn und Habichtsfeder
    Und an der Kappe Otterfell.
    So ist er waidlich ausgerüstet
    Zum Kampfe wie zu gutem Fang,
    Doch scheint es nicht, daß ihn gelüstet
    Nach Beute auf dem stillen Gang.
    Er will nicht jagen, will nicht birschen,
    Das wüßte man ihm wenig Dank,
    Er spüret nicht den edlen Hirschen
    Und folgt nicht seinem Schritt und Schrank,
    Nur auf den Wilddieb will er fahnden,
    Der jüngst das Schmalthier abgethan,
    Den schweren Frevel will er ahnden,
    Sei’s Aug‘ um Auge, Zahn um Zahn,
    Doch sollte sich ihm Raubzeug stellen,
    Sei es befiedert, sei’s behaart,
    Darauf würd‘ er den Bolzen schnellen,
    Gern hätt‘ er eines Luchses Bart,
    Gern wüßt‘ er, ob noch mit den Jungen
    Der Fuchs bewohnt den alten Bau;
    Er schleicht sich an, und bald gesprungen
    Kommt aus der Röhre Füchslein schlau.
    Zwei Andre folgen, und sie spielen
    Ganz lustig, unbekümmert hier,
    Dem Jäger zuckt die Hand zum Zielen,
    Jedoch bezwingt er die Begier.
    Nur Einen kann sein Pfeil zerspalten,
    Dann würde in der nächsten Nacht
    Die ganze Sippschaft Umzug halten,
    Und um die Zwei wär‘ er gebracht.
    Versteckt sieht er die Füchslein hüpfen,
    Wie eins das Andre täppisch packt,
    Kopfüber stürzt, zerrt, läßt entschlüpfen,
    In Lauf und Lunte zwickt und zwackt.
    Doch plötzlich in den Bau sie fahren,
    Er steht verwunderten Gesichts, –
    Fuchsnasen wittern wohl Gefahren,
    Du, lieber Waidmann, merkst noch nichts,
    Und doch bist du es, dem sie drohen,
    Dem Füchslein nicht im tiefen Grund,
    O wärst du selber doch entflohen,
    Waidmann, jetzt wirst du waidewund!
    Der Jäger spannt, läßt näher kommen,
    Was kommen will, regt nicht ein Glied,
    Und – ’s ist Gesang, was er vernommen,
    Hell durch den Wald erklingt ein Lied.

    Es wächst ein Kraut im Kühlen,
    Wo Vollmondstrahl geruht
    Und wer es trägt, muß fühlen,
    Wie Lieb‘ im Herzen thut.

    Wüßt‘ ich den Platz, den rechten,
    Vom Kraut im grünen Wald,
    Wollt‘ ich’s ins Sträußlein flechten,
    Einem stolzen Knaben bald.

    Und käm‘ er dann zur Linde
    Im Dorfe, wollt‘ ich sehn,
    Wie’s mit dem Angebinde
    Dem Knaben würd‘ ergehn.

    Ein Blättchen, abgerissen,
    Trüg‘ ich wohl auf der Brust,
    Möcht‘ selber gerne wissen,
    Ob’s Leid bringt oder Lust.

    Schwarzspecht, mit deinen Gaben
    Schaff‘ mir das Kraut heran
    Und zeig‘ mir auch den Knaben,
    Dem ich es schenken kann.

    Da bricht es ab; sie sehn sich Beide;
    Sie fährt zusammen, doch sie denkt:
    Der Waidmann thut dir nichts zu Leide,
    Und weiter sie die Schritte lenkt.
    Doch barsch vertritt er ihr die Wege:
    »Woher? wohin? sag‘ mir zur Stell,
    Was schaffst du hier im Forstgehege?«
    Da stockt ihm schon der Fragen Quell,
    Denn aus des Mädchens blauem Auge
    Lacht’s Frühling! wie die Knosp‘ am Strauch,
    Wie schlecht zum Zorn auch Lächeln tauge,
    In seinem Antlitz sonnt es auch.
    Bald endet das verschämte Schweigen
    Die blühende Maid und spricht vertraut
    Aufs Körbchen deutend: »Will dir’s zeigen,
    Ich suche nur Karwendelkraut;
    Großmütterlein braucht’s zum Bestreichen,
    In ihm steckt wunderbare Kraft,
    Es stillt das Blut, und Schmerzen weichen,
    Kocht man beim Vollmond seinen Saft.«
    Der Jüngling hört kaum, was sie plaudert,
    Und auch ins Körbchen schaut er nicht,
    Er blickt nur, wie er steht und zaudert,
    In ihr holdselig Angesicht.
    »Wie heißt du?« fragt er, sie berichtet:
    »Ich heiße Waldtraut, dort hinaus,
    Wo sich der Wald im Thale lichtet,
    Steht meines Vaters kleines Haus.
    Er hat sein Brod vom Kohlenbrennen,
    Du bist noch neu hier, aber bald
    Lernst du den Köhler Volrat kennen,
    Wir sind Tag ein, Tag aus im Wald.«
    Sie gehn selbander unterdessen
    Und wissen Beide nicht, wohin,
    Denn Jeder hat nur, selbstvergessen,
    Des Andern Gegenwart im Sinn.
    Und immer wieder schau’n sich Beide
    Ins jugendstrahlende Gesicht,
    O wundervolle Augenweide,
    Du lockst wie wärmend Sonnenlicht!
    Wer war der Frühling nun im Walde?
    War es am Busch das junge Grün?
    Der Vögel Sang an Hag und Halde?
    War es der Blumen Duft und Blühn?
    War es von diesen Beiden Einer?
    Und welcher dann? er oder sie?
    Ach nein! von Beiden war es Keiner,
    Der Frühling waren er und sie.
    Wie Knospen brechen, Blätter sprossen,
    In eines milden Tages Lauf
    Zum Leben neu geweckt, so schlossen
    Sich unschuldsvoll zwei Herzen auf.
    Und blühend unter grünen Zweigen,
    Beschützt, beschirmt im Waldesraum,
    Ging er dahin in süßem Schweigen,
    Der jungen Liebe Frühlingstraum.
    Nun scheiden sie. »Auf ,
    Waldtraut!« spricht er, drückt ihr die Hand,
    »Wo wird der erste Meiler stehen?«

    »Im Schlage, wo der letzte stand.«

    »Waldtraut, auch bei den alten Buchen
    Wie heute, bei dem Fuchsbau da,
    Kommst du bald wieder Kräuter suchen?«
    Und lächelnd nickt sie: »Ludolf, ja!«
    Es blicket Einer nach dem Andern
    Sich winkend um manch liebes Mal,
    Er muß noch über Berge wandern,
    Doch ihr Weg führt hinab ins Thal.
    Er kommt an eine hohe Klippe,
    Ersteigt sie mit beschwingtem Fuß
    Und setzt das Hifthorn an die Lippe
    Und bläst ihr einen Waidmannsgruß.



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