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    Das erste Gedicht


    Auf meiner Heimat Grunde,
    Da steht ein Zinnenbau,
    Schaut finster in die Runde
    Aus Wimpern schwer und grau;

    An seiner Fenster Gittern
    Wimmert des Kauzes Schrei,
    Und drüber siehst du wittern
    Den sonnentrunknen Weih.Ein Wächter fest wie Klippen,
    Von keinem Sturm bewegt,
    Der in den harten Rippen
    Gar manche Kugel trägt;
    Ein Mahner auch, ein strenger,
    Des Giebel grün und feucht
    Mit spitzem Hut und Fänger
    Des Hauses Geist besteigt.Und sieht ihn das Gesinde
    Am Fahnenschafte stehn,
    Sich, wirbelnd vor dem Winde,
    Mit leisem Schreie drehn,
    Dann pocht im Schloßgemäuer
    Gewiß die Totenuhr,
    Oder ein tückisch Feuer
    Frißt glimmend unterm Flur.Wie hab‘ ich ihn umstrichen
    Als Kind oft stundenlang,
    Bin heimlich dann geschlichen
    Den schwer verpönten Gang
    Hinauf die Wendelstiege,
    Die unterm Tritte bog,
    Bis zu des Sturmes Wiege,
    Zum Hahnenbalken hoch.Und saß ich auf dem Balken
    Im Dämmerstrahle falb,
    Mich fühlend halb als Falken,
    Als Mauereule halb,
    Dann hab‘ ich aus dem Brodem
    Den Geist zitiert mit Mut,
    Ich, Hauch von seinem Odem
    Und Blut von seinem Blut.Doch als nun immer tiefer
    Die Schlangenstiege sank,
    Als schiefer stets und schiefer
    Dräute die Stufenbank,
    Da klomm‘ ich sonder Harren
    Hinan den Zinnenring,
    Und in des Daches Sparren
    Barg ich ein heimlich Ding.Das sollten Enkel finden,
    Wenn einst der Turm zerbrach:
    Es sollte etwas künden,
    Das mir am Herzen lag.
    Nun sinn‘ ich oft vergebens,
    Was mich so tief bewegt,
    Was mit Gefahr des Lebens
    Ich in den Spalt gelegt?Mir sagt ein Ahnden leise,
    Es sei, gepflegt und glatt,
    Von meinem Lorbeerreise
    Das arme erste Blatt.
    Auch daß es just gewittert,
    Mir wie im Traume scheint,
    Und daß ich sehr gezittert
    Und bitterlich geweint.Zerfallen am Gewände
    Ist längst der Stiege Rund,
    Kaum liegt noch vom Gelände
    Ein morsches Brett am Grund;
    Und wenn die Balken knarren,
    Im Sturm die Fahne kreist,
    Dann gleitet an den Sparren
    Nicht mehr des Ahnen Geist.Er mag nicht ferner hausen,
    Wo aller Glaube schwand;
    Ich aber stehe draußen
    Und schau‘ hinauf die Wand,
    Späh‘ durch der Sonne Lodern,
    In welcher Ritze wohl
    Es einsam mag vermodern,
    Mein schüchtern arm Idol.Nie sorgt‘ ein Falke schlechter
    Für seine erste Brut!
    Doch du, mein grauer Wächter,
    Nimm es in deine Hut;
    Und ist des Daches Schiene
    Hinfürder nicht zu traun,
    So laß die fromme Biene
    Dran ihre Zelle baun!

    Annette von Droste-Hülshoff



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