{"id":7508,"date":"2010-12-07T08:55:23","date_gmt":"2010-12-07T06:55:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spruechetante.de\/sprueche-sammlung\/index.php\/der-kaiser-und-der-abt\/"},"modified":"2025-06-17T18:14:17","modified_gmt":"2025-06-17T16:14:17","slug":"der-kaiser-und-der-abt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spruechetante.de\/sprueche-sammlung\/index.php\/der-kaiser-und-der-abt\/","title":{"rendered":"Der Kaiser und der Abt"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich will euch erz\u00e4hlen ein M\u00e4rchen, gar schnurrig:<br>\nEs war mal ein Kaiser; der Kaiser war kurrig;<br>\nAuch war mal ein Abt, ein gar stattlicher Herr;<br>\nNur schade! sein Sch\u00e4fer war kl\u00fcger, als er.<br>\n<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><br>\nDem Kaiser ward\u00e2\u20ac\u2122s sauer in Hitz und in K\u00e4lte:<br>\nOft schlief er bepanzert im Kriegesgezelte;<br>\nOft hatt er kaum Wasser zu Schwarzbrot und Wurst;<br>\nUnd \u00f6fter noch litt er gar Hunger und Durst.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Pf\u00e4fflein, das wu\u00dfte sich besser zu hegen,<br>\nUnd weidlich am Tisch und im Bette zu pflegen.<br>\nWie Vollmond gl\u00e4nzte sein feistes Gesicht.<br>\nDrei M\u00e4nner umspannten den Schmerbauch ihm nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Drob suchte der Kaiser am Pf\u00e4fflein oft Hader.<br>\nEinst ritt er, mit reisigem Kriegesgeschwader,<br>\nIn brennender Hitze des Sommers vorbei.<br>\nDas Pf\u00e4fflein spazierte vor seiner Abtei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbHa\u00c2\u00ab, dachte der Kaiser, \u00c2\u00bbzur gl\u00fccklichen Stunde!\u00c2\u00ab<br>\nUnd gr\u00fc\u00dfte das Pf\u00e4fflein mit h\u00f6hnischem Munde:<br>\n\u00c2\u00bbKnecht Gottes, wie geht\u00e2\u20ac\u2122s dir? Mir deucht wohl ganz recht,<br>\nDas Beten und Fasten bekomme nicht schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch deucht mir daneben, euch plage viel Weile.<br>\nIhr dankt mir\u00e2\u20ac\u2122s wohl, wenn ich euch Arbeit erteile,<br>\nMan r\u00fchmet, ihr w\u00e4ret der pfiffigste Mann,<br>\nIhr h\u00f6rtet das Gr\u00e4schen fast wachsen, sagt man.<\/p>\n\n\n\n<p>So geb ich denn euren zwei t\u00fcchtigen Backen<br>\nZur Kurzweil drei artige N\u00fcsse zu knacken.<br>\nDrei Monden von nun an bestimm ich zur Zeit.<br>\nDann will ich auf diese drei Fragen Bescheid.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten: Wann hoch ich, im f\u00fcrstlichen Rate,<br>\nZu Throne mich zeige im Kaiserornate,<br>\nDann sollt ihr mir sagen, ein treuer Wardein,<br>\nWie viel ich wohl wert, bis zum Heller mag sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Zum zweiten sollt ihr mir berechnen und sagen:<br>\nWie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen?<br>\nUm keine Minute zu wenig und viel!<br>\nIch wei\u00df der Bescheid darauf ist euch nur Spiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum dritten noch sollst du, o Preis der Pr\u00e4laten,<br>\nAufs H\u00e4rchen mir meine Gedanken erraten.<br>\nDie will ich dann treulich bekennen: allein<br>\nEs soll auch kein Titelchen Wahres dran sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und k\u00f6nnt ihr mir diese drei Fragen nicht l\u00f6sen,<br>\nSo seid ihr die l\u00e4ngste Zeit Abt hier gewesen;<br>\nSo la\u00df ich euch f\u00fchren zu Esel durchs Land,<br>\nVerkehrt, statt des Zaumes, den Schwanz in der Hand.\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Drauf trabte der Kaiser mit Lachen von hinnen.<br>\nDas Pf\u00e4fflein zerri\u00df und zerspli\u00df sich mit Sinnen.<br>\nKein armer Verbrecher f\u00fchlt mehr Schwulit\u00e4t,<br>\nDer vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schickte nach ein, zwei, drei, vier Un\u00e2\u20ac\u2122vers\u00e2\u20ac\u2122t\u00e4ten,<br>\nEr fragte bei ein, zwei, drei, vier Fakult\u00e4ten,<br>\nEr zahlte Geb\u00fchren und Sportuln vollauf:<br>\nDoch l\u00f6ste kein Doktor die Fragen ihm auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Schnell wuchsen, bei herzlichem Zagen und Pochen,<br>\nDie Stunden zu Tagen, die Tage zu Wochen,<br>\nDie Wochen zu Monden; schon kam der Termin!<br>\nIhm ward\u00e2\u20ac\u2122s vor den Augen bald gelb und bald gr\u00fcn.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sucht\u00e2\u20ac\u2122 er, ein bleicher hohlwangiger Werther,<br>\nIn W\u00e4ldern und Feldern die einsamsten \u00d6rter.<br>\nDa traf ihn, auf selten betretener Bahn,<br>\nHans Bendix, sein Sch\u00e4fer, am Felsenhang an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbHerr Abt\u00c2\u00ab, sprach Hans Bendix, \u00c2\u00bbwas m\u00f6gt ihr euch gr\u00e4men?<br>\nIhr schwindet ja wahrlich dahin, wie ein Schemen.<br>\nMaria und Joseph! Wie hotzelt ihr ein!<br>\nMein Sixchen! Es mu\u00df euch was angetan sein.\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbAch, guter Hans Bendix, so mu\u00df sich\u00e2\u20ac\u2122s wohl schicken.<br>\nDer Kaiser will gern mir am Zeuge was flicken,<br>\nUnd hat mir drei N\u00fc\u00df auf die Z\u00e4hne gepackt,<br>\nDie schwerlich Beelzebub selber wohl knackt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten: Wann hoch er, im f\u00fcrstlichen Rate,<br>\nZu Throne sich zeiget, im Kaiserornate,<br>\nDann soll ich ihm sagen, ein treuer Wardein,<br>\nWie viel er wohl wert, bis zum Heller mag sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Zum zweiten soll ich ihm berechnen und sagen:<br>\nWie bald er zu Rosse die Welt mag umjagen?<br>\nUm keine Minute zu wenig und viel!<br>\nEr meint, der Bescheid darauf w\u00e4re nur Spiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum dritten, ich \u00e4rmster von allen Pr\u00e4laten,<br>\nSoll ich ihm gar seine Gedanken erraten;<br>\nDie will er mir treulich bekennen: allein<br>\nEs soll auch kein Titelchen Wahres dran sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und kann ich ihm diese drei Fragen nicht l\u00f6sen,<br>\nSo bin ich die l\u00e4ngste Zeit Abt hier gewesen;<br>\nSo l\u00e4\u00dft er mich f\u00fchren zu Esel durchs Land,<br>\nVerkehrt, statt des Zaumes, den Schwanz in der Hand.\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbNichts weiter?\u00c2\u00ab erwidert Hans Bendix mit Lachen,<br>\n\u00c2\u00bbHerr, gebt Euch zufrieden! das will ich schon machen.<br>\nNur borgt mir Eu\u00e2\u20ac\u2122r K\u00e4ppchen, Eu\u00e2\u20ac\u2122r Kreuzchen und Kleid;<br>\nSo will ich schon geben den rechten Bescheid.<\/p>\n\n\n\n<p>Versteh ich gleich nichts von lateinischen Brocken,<br>\nSo wei\u00df ich den Hund doch vom Ofen zu locken.<br>\nWas ihr Euch, Gelehrte, f\u00fcr Geld nicht erwerbt,<br>\nDas hab ich von meiner Frau Mutter geerbt.\u00c2\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da sprang, wie ein B\u00f6cklein, der Abt vor Behagen.<br>\nMit K\u00e4ppchen und Kreuzchen, mit Mantel und Kragen,<br>\nWard stattlich Hans Bendix zum Abte geschm\u00fcckt,<br>\nUnd hurtig zum Kaiser nach Hofe geschickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier thronte der Kaiser im f\u00fcrstlichen Rate,<br>\nHoch prangt\u00e2\u20ac\u2122 er, mit Zepter und Kron im Ornate:<br>\n\u00c2\u00bbNun sagt mir, Herr Abt, als ein treuer Wardein,<br>\nWie viel ich itzt wert, bis zum Heller, mag sein?\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbF\u00fcr drei\u00dfig Reichsgulden ward Christus verschachert;<br>\nDrum g\u00e4b ich, so sehr ihr auch pochet und prachert,<br>\nF\u00fcr euch keinen Deut mehr, als zwanzig und neun,<br>\nDenn einen m\u00fc\u00dft ihr doch wohl minder wert sein.\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbHum\u00c2\u00ab, sagte der Kaiser, \u00c2\u00bbder Grund l\u00e4\u00dft sich h\u00f6ren,<br>\nUnd mag den durchlauchtigen Stolz wohl bekehren.<br>\nNie h\u00e4tt ich, bei meiner hochf\u00fcrstlichen Ehr!<br>\nGeglaubet, da\u00df so spottwohlfeil ich w\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun aber sollst du mir berechnen und sagen:<br>\nWie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen?<br>\nUm keine Minute zu wenig und viel!<br>\nIst dir der Bescheid darauf auch nur ein Spiel?\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbHerr, wenn mit der Sonn ihr fr\u00fch sattelt und reitet,<br>\nUnd stets sie in einerlei Tempo begleitet,<br>\nSo setz ich mein Kreuz und mein K\u00e4ppchen daran,<br>\nIn zweimal zw\u00f6lf Stunden ist alles getan.\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbHa\u00c2\u00ab, lachte der Kaiser, \u00c2\u00bbvortrefflicher Haber!<br>\nIhr futtert die Pferde mit Wenn und mit Aber,<br>\nDer Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,<br>\nHat sicher aus H\u00e4ckerling Gold schon gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun aber zum dritten, nun nimm dich zusammen!<br>\nSonst mu\u00df ich dich dennoch zum Esel verdammen.<br>\nWas denk ich, das falsch ist? das bringe heraus!<br>\nNur bleib mir mit Wenn und mit Aber zu Haus!\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbIhr denket, ich sei der Herr Abt von St. Gallen.\u00c2\u00ab &#8211;<br>\n\u00c2\u00bbGanz recht! Und das kann von der Wahrheit nicht fallen.\u00c2\u00ab &#8211;<br>\n\u00c2\u00bbSein Diener, Herr Kaiser! Euch tr\u00fcget eu\u00e2\u20ac\u2122r Sinn:<br>\nDenn wi\u00dft, da\u00df ich Bendix, sein Sch\u00e4fer, nur bin!\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbWas Henker! Du bist nicht der Abt von St. Gallen?\u00c2\u00ab<br>\nRief hurtig, als w\u00e4r er vom Himmel gefallen,<br>\nDer Kaiser mit frohem Erstaunen darein;<br>\n\u00c2\u00bbWohlan denn, so sollst du von nun an es sein!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will dich belehnen mit Ring und mit Stabe.<br>\nDein Vorfahr besteige den Esel und trabe!<br>\nUnd lerne fortan erst quid iuris verstehn!<br>\nDenn wenn man will ernten, so mu\u00df man auch s\u00e4\u00e2\u20ac\u2122n.\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbMit Gunsten, Herr Kaiser! Das la\u00dft nur h\u00fcbsch bleiben!<br>\nIch kann ja nicht lesen, noch rechnen und schreiben;<br>\nAuch wei\u00df ich kein sterbendes W\u00f6rtchen Latein.<br>\nWas H\u00e4nschen vers\u00e4umt holt Hans nicht mehr ein.\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbAch, guter Hans Bendix, das ist ja recht schade!<br>\nErbitte demnach dir ein\u00e2\u20ac\u2122 andere Gnade!<br>\nSehr hat mich erg\u00f6tzet dein lustiger Schwank:<br>\nDrum soll dich auch wieder erg\u00f6tzen mein Dank.\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbHerr Kaiser, gro\u00df hab ich so eben nichts n\u00f6tig:<br>\nDoch seid ihr im Ernst mir zu Gnaden erb\u00f6tig,<br>\nSo will ich mir bitten zum ehrlichen Lohn,<br>\nF\u00fcr meinen hochw\u00fcrdigen Herren Pardon.\u00c2\u00ab &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c2\u00bbHa bravo! Du tr\u00e4gst, wie ich merke, Geselle,<br>\nDas Herz, wie den Kopf, auf der richtigsten Stelle.<br>\nDrum sei der Pardon ihm in Gnaden gew\u00e4hrt,<br>\nUnd obenein dir ein Panisbrief beschert:<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lassen dem Abt von St. Gallen entbieten:<br>\nHans Bendix soll ihm nicht die Schafe mehr h\u00fcten.<br>\nDer Abt soll sein pflegen, nach unserm Gebot,<br>\nUmsonst, bis an seinen sanftseligen Tod.\u00c2\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Gottfried August B\u00fcrger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich will euch erz\u00e4hlen ein M\u00e4rchen, gar schnurrig: Es war mal ein Kaiser; der Kaiser war kurrig; Auch war mal ein Abt, ein gar stattlicher Herr; Nur schade! sein Sch\u00e4fer war kl\u00fcger, als er.<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":53022,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_sitemap_exclude":false,"_sitemap_priority":"","_sitemap_frequency":"","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[1625],"class_list":["post-7508","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lange-gedichte","tag-gottfried-august-buerger"],"aioseo_notices":[],"aioseo_head":"\n\t\t<!-- All in One SEO 4.9.10 - aioseo.com -->\n\t<meta name=\"description\" content=\"Ich will euch erz\u00e4hlen ein M\u00e4rchen, gar schnurrig: Es war mal ein Kaiser; der Kaiser war kurrig; Auch war mal ein Abt, ein gar stattlicher Herr; Nur schade! sein Sch\u00e4fer war kl\u00fcger, als er. 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